Das gemeinsame, verbindliche Leben ist eine Alternative zu der heute zunehmenden Vereinsamung und Isolierung.
(E. Pöllmann)
Verbindlichkeit ist eine Tugend im zwischenmenschlichen Bereich und bezeichnet die Konsequenz, mit der eine Person zu einmal gemachten Aussagen und Absprachen steht. Verbindlichkeit ist eng verknüpft mit Verlässlichkeit. In der Bibel kommt dieses Wort so gar nicht vor, dennoch ist Gott selber in Jesus die größte Verbindlichkeit überhaupt mit uns eingegangen. Er hat sich mit uns verbunden, ist mit uns in Beziehung eingetreten und hat zu uns Ja gesagt. Er hat uns zuerst geliebt. Wir merken, dass es auf dieses großartige Angebot der Liebe Gottes einer Antwort bedarf, und wir spüren eine tiefe Sehnsucht nach Gott, die wir mit einem verbindlichen, geistlichen Leben beantworten und versiegeln wollen. Wir wollen der Liebe Gottes in unserem Leben Raum geben.
Jesus beschreibt dieses göttliche Angebot in Johannes 17,20-26 sehr anschaulich. Gottes Liebe zu uns ist entbrannt. Wir haben einen Platz am Herzen Gottes, des Vaters, den uns Jesus Christus durch seinen gehorsamen Weg zum Kreuz geöffnet hat. Hier wird eine Liebeseinheit geschlossen und wir sind mitten drin. Es wird eine Willenseinheit geschlossen, denn der Sohn richtet seinen Willen nach dem Vater aus. Sie sind eines Willens, aufeinander bezogen und eng mit einander verbunden. Jesus lebt hier totale Verbindlichkeit mit dem Vater. Diese Verbindlichkeit hat auch einen Zweck und einen Auftrag. Man kann auch sagen, sie hat eine Berufung: „Die Welt soll erkennen, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst“ (Joh 17,23). Gott empfindet für uns dieselbe Liebe wie für seinen eigenen Sohn! Das ist ein ganz tiefes Beziehungsgeschehen, weswegen sich Menschen immer wieder zusammenfinden und dieses Geheimnis leben wollen - verbindlich leben wollen.
Verbindliches Leben braucht die Schwester und den Bruder, die gemeinsam mit auf dem Weg sind. Immer wieder beruft Gott sich Menschen, die sich an diese Beziehung anbinden lassen, die dieses Gebet Jesu zu ihrem Herzensanliegen machen und ja sagen zu der Einheit, die Jesus hier preist. Wir können also nur deswegen geistlich verbindlich leben, weil Gott sich verbindlich an uns gebunden hat. Gemeinschaften schreiben ihre Vereinbarungen auf, die sie verbindlich leben wollen. Diese Sätze erwachsen aus der Stille, durch Gebet und sind ihre Herzensanliegen. Dennoch kommt dem ein oder anderen ab und an die Sorge hoch, diese Punkte so, wie sie dastehen, leben zu können. Das hat auch seine Berechtigung, denn: Ja, es sind hohe Ansätze und hohe Ziele, aber ein Ziel muss immer höher sein, als das, was ich schon habe. Es muss erstrebenswert sein und erreichbar sein - mit Gottes Hilfe. Vielleicht merke ich auch, wie schnell ich mich immer wieder ablenken lasse und manche Dinge wichtiger empfinde. Da kommt es darauf an, das Ja zur Gemeinschaft und das Ja zu Gott immer wieder zu erneuern. Wir sind Menschen, die schnell müde werden. Es liegt auch eine Gefahr darin, die Freude und die Liebe, die Begeisterung, die am Anfang war, zu verlieren. Es braucht Disziplin und auch die Freude, das Ja zu den verbindlichen Sätzen zu leben. Wir müssen da ganz ehrlich mit uns umgehen. Manchmal wird es notwendig sein, meinen Weg mit Gott und der Gemeinschaft zu betrachten. Ich werde feststellen, dass ich von meiner Grundentscheidung manches Mal abgewichen bin. Ich muss dann umkehren und bewusst wieder meinen Weg gehen. Wir müssen immer wieder Entscheidungen treffen, in unsere Berufung umzukehren. Da ist es gut, wenn ich in der Gemeinschaft einen Bruder oder eine Schwester habe, wo ich das offen aussprechen kann, oder es zulassen kann, dass mich die Schwester oder der Bruder ansprechen.
Es ist überhaupt im geistlichen Weg wichtig und gut, wenn wir einen geistlichen Begleiter haben, mit dem wir solche Dinge durchsprechen können. Das ist nichts anders als Beichten, die Dinge Be-ICH-ten und zu meinem Ich stehen. Ja, so bin ich und da habe ich Schwierigkeiten und möchte wieder neu anfangen. Es kann auch zu Konflikten innerhalb der Gemeinschaft kommen. Das ist ganz natürlich. Je näher wir zusammen sind, umso mehr lernen wir die Schwächen und Stärken anderer Geschwister kennen. Und wir werden im Zusammensein auch mit unseren eigenen Schwächen und Fehlern konfrontiert, auch mit unseren Lebenswunden. Da halten wir es oft nicht aus und wollen weggehen. Aber eine Gemeinschaft kann auch eine heilende Gemeinschaft sein, in der wir uns gegenseitig zumuten dürfen, also nicht gleich aufgeben, sondern bleiben. Bleiben heißt, in der Beziehung bleiben, in der Verbindung bleiben. Und wie jede Beziehung Zeiten der Begeisterung kennt, so kennt sie auch Zeiten der Gleichgültigkeit.
Es geht darum, sich von Christus tragen zu lassen, sich von ihm überraschen zu lassen, sich seiner Liebe und seinen Gaben zu öffnen. Denn wenn Jesus vom Bleiben spricht, hat das im Tiefsten das Ziel, eine Bleibe bei ihm zu haben. „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.“ Diese Worte enthalten tröstende Verheißung in der Stunde des Abschieds. Denn nach diesen Worten geht Jesus ans Kreuz. Aber durch das Kreuz eröffnet Jesus seinen Jüngern und uns den Weg zum Leben, den Weg zum Haus des Vaters. Es soll den Menschen, der immer wieder das Vorläufige und Vorübergehende seiner Wohnungen erfahren muss, die Gewissheit geben, dass seine Sehnsucht nach der ewigen, unzerstörbaren Bleibe in ihm seine Erfüllung findet. Die Jünger und auch wir sind jedoch nicht bis zum Tag der Wiederkunft alleine gelassen. „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück, ich komme zu euch.“ Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Das ist das Wohnen des dreifaltigen Gottes im Herzen jedes Menschen. So findet die Verheißung für die Zukunft schon in der Gegenwart Erfüllung. Der Christ, der seinen Herrn liebt und das Wort des Herrn bewahrt, ist Wohnung des lebendigen Gottes.
ER BLEIBT IN UNS und die verbindliche, geistliche Gemeinschaft kann uns dabei sehr unterstützen.
nach Erika Pöllmann (Tertiärschwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz, aus einem Referat beim BrinG-Wochenende 2012)