Was hilft gleichzeitig gegen Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Depressionen, Übergewicht, Schwindelgefühle und Schlaflosigkeit? Das Allheilmittel besteht darin, zu sagen: „Ich vergebe dir.“
Mediziner, Psychologen und Soziologen befassen sich zunehmend mit den Phänomenen, dass Menschen endlich wieder ruhig durchschlafen, wenn ihnen verziehen wurde oder sich vital, ausgeglichen und glücklich fühlen, nachdem sie selbst einem Menschen wegen einer zugefügten Kränkung vergeben konnten.
Die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Jimmy Carter haben in den USA die ‚Kampagne für Vergebensforschung’ gegründet. Diese Vereinigung hat in 46 Studien herausgefunden, dass Verzeihen den Blutdruck senkt, Rückenschmerzen und Depressionen lindert, vor chronischen Schmerzen bewahrt, Übergewicht und Stresshormone senkt, Kopfschmerzen und Schwindel reduziert, die Heilung von Wirbelsäulenproblemen begünstigt, Schlaflosigkeit beseitigt und ganz nebenbei auch zerstrittene Ehen kittet.
Die von Christen oft so kritisch betrachteten Psychologen entdecken die Bedeutung und die Wirksamkeit von Vergeben und Verzeihen. Und Kontrollstudien zeigen, dass sie dabei große Erfolge haben: 70 Prozent derer, die Verzeihenskurse belegt haben, geben an, nach dem Verzeihen weniger Schmerzen als vorher zu empfinden, 27 Prozent haben auch weniger physische Symptome und 15 Prozent reagieren nicht mehr so emotional auf Stress.
Wie funktioniert ‚Ich vergebe dir’
Christen wissen eigentlich schon lange um die Wichtigkeit des Vergebens. Nach meiner Erfahrung aus der Seelsorgearbeit treten jedoch die genannten Wirkungen oft nach dem Vergeben nicht ein. Haben wir die drei Worte: „Ich vergebe dir“ auf eine fromme Formel, die man als richtiger Christ einfach zu sagen hat, reduziert?
Als Jesus von Petrus gefragt wird, wie oft er seinem Bruder, der an ihm sündigt, vergeben muss, antwortet Jesus: ‚Nicht siebenmal sondern siebzigmal siebenmal.’ Wenn wir diese Antwort auf eine Verletzungssituation beziehen und nicht auf 490 verschiedene Situationen, wird deutlich, dass Vergebung ein intensiver Prozess ist. Das entspricht dem, was die Therapeuten in den Verzeihenskursen erleben. Vergebung ohne emotionale Auseinandersetzung mit der erfahrenen Verletzung bleibt in der Regel eine wirkungslose religiöse Formel. Richtig vergeben ist schwere Arbeit.
Die 4 Schritte des Vergebungsprozesses
Als erstes muss ich für mich klären, wer mir was angetan hat, was mich denn so ärgert oder mir so weht tut. Es gilt auch, ehrlich zu prüfen, was ich dazu beigetragen habe, dass es zu der Verletzung kommen konnte. Für meinen Anteil ist der andere nicht verantwortlich; den muss ich mir selbst vergeben.
Sich selbst vergeben ist genauso wichtig und heilsam wie das Vergeben gegenüber dem anderen.
Der zweite Schritt ist, sich dazu durchzuringen, wirklich vergeben zu wollen. Die erfahrene Verletzung nagt an meinem Selbstwertgefühl und schreit nach Rache. Ich erlebe mich als Opfer. Die Opferrolle ist sowohl sehr schmerzhaft als auch für viele Menschen attraktiv. Als Opfer brauche ich keine Verantwortung für mein Leben übernehmen. In allen Situationen kann ich darauf verweisen, dass da jemand Schuld hat, dass mein Leben so ist, wie es eben ist. Wenn ich wirklich vergeben will, muss ich bereit sein, für mein Leben die volle Verantwortung zu übernehmen, egal, was passiert ist. Die Ablehnung von Verantwortung für das Leben ist zwar sehr bequem, macht aber nachweislich körperlich und seelisch krank. Dagegen ist es dem persönlichen Wohlbefinden zuträglich, erlittenes Unrecht zu verzeihen und Verluste zu akzeptieren. Wer verzeiht, tut sich und dem anderen Gutes.
Wer Vorbedingungen stellt oder nicht verzeihen kann, zieht wenigstens aus seiner Kränkung einen psychischen Nutzen: Er behält denjenigen am Haken, der ihn verletzt und gekränkt hat oder lebt nach dem Motto: ‚Rache ist süß’ und muss sich für eine Veränderung nicht anstrengen. Es ist jedoch immer besser, ehrlich zu sagen: „Ich verzeihe dir.“ statt Ärger und Kränkung in sich hineinzufressen und mit dem Unvergebenen, das in jeder Spannungssituation hoch kocht, leben zu müssen.
Als drittes ist es wichtig, aktiv daran zu arbeiten, den anderen zu verstehen, aber auch den eigenen Schmerz bewusst anzuerkennen. Den anderen zu verstehen bedeutet keinesfalls, das, was er mir angetan hat, gut zu heißen oder zu beschönigen. Diese, unter Christen häufig zu beobachtende Art, sich selbst zu belügen, verhindert die heilsame Wirkung der Vergebung. Genau so verhält es sich auch, wenn ich meinen erfahrenen Schmerz verdränge oder bagatellisiere.
Jede Kränkung, jede Verletzung, jedes Unrecht löst in uns Schmerz aus. Akzeptieren wir diesen Schmerz, können wir eine neue Lebenseinstellung gewinnen, die zu einer größeren Selbstakzeptanz führt. Die emotionale Auseinandersetzung mit dem erfahrenen Unrecht und dem erlebten Schmerz führt zu einer Stärkung unserer Selbstkompetenz.
Die vierte Stufe des Vergebens ist nur schön: Ich kann die Befreiung aus dem emotionalen Gefängnis des Nichtvergebens genießen. Wenn die Engel im Himmel feiern, sobald Menschen sich versöhnen, dann sollten wir das auch tun. Das bewusste genießen der neuen Lebensqualität dient wesentlich zu deren Erhalt.
Kraft und Zeit für eine positive Veränderung
Wer vergeben, Schaden wieder gutmachen, Trennung überwinden, das Kriegsbeil begraben will, sollte konkrete Schritte mit Bedacht tun. So, wie ich selbst für den seelischen Kraftakt des Verzeihens, der sich dann im geistlichen Bereich ausdrückt, Zeit brauche, so braucht auch der, dem ich vergebe, seine Zeit, die ich ihm zugestehen sollte.
Vergeben führt zu einer positiven Veränderung von Gedanken, Emotionen und Verhalten sowie des körperlichen und psychischen Befindens sowohl beim Opfer als auch beim Täter. „Ich vergebe dir.“, sind heilsame Worte.